24 Sep
Man redet immer vom freien und selbstbestimmten Wesen Mensch, aber manchmal habe ich das Gefühl das unter bestimmten Umständen die Gesellschaft denkt wir seien nicht in der Lage zu entscheiden was für uns gut ist und was nicht.

Foto by flickr.com user:basetian Lizenz: CC
Einige denken anscheinend Behindertenparkplätze gäbe es aus Spaß.
Folgende Szene gestern in der Tram, eine Rollstuhlfahrerin mit ihrem elektronischen Rollstuhl ist dabei den Rolli so zu lenken das sie bequem über die Rampe, die es glücklicherweise in den neueren Trams gibt, in die Tram fahren kann.
Hinter ihr befindet sich ein älteres Ehepaar, die Frau dieses Zweiergespanns tritt auf einmal an den Rollstuhl heran und schiebt die Frau in Richtung Innenraum, die Rollstuhlfahrerin protestiert, zu Recht denn es handelt sich um einen Rollstuhl mit Elektromotor und den zu schieben macht den Motor kaputt.
Die Frau die “nur helfen wollte” ist empört und regt sich darüber auf das die Rollstuhlfahrerin so “undankbar” ist, sie findet auch gleich ein paar weitere Mitfahrer die das auch ungeheuerlich finden.
Die Rollstuhlfahrerin erklärt, das sie doch nicht einfach an Rollstühle ran gehen könnte um die Leute durch die Gegend zu schieben, der Mann der zu diesem “Helfer”Gespann gehört dreht sich um und sagt in einem pseudoautoritären anklagenden Ton zur Rollstuhlfahrerin wenn sie nicht sofort aufhören würde zu meckern, könne sie an der nächsten Haltestelle aussteigen, woraufhin die Rollstuhlfahrerin erwidert das er das nicht zu bestimmen hätte.
Mich hat diese Szene sehr gekränkt denn ich bin in einem Umfeld mit behinderten Menschen aufgewachsen, habe auch mal eine zeit lang mit behinderten Menschen gearbeitet und habe dieses “Mitleidsphänomen” zu häufig wahrgenommen, vorallem bei RollstuhlfahrerInnen oder Blinden.
Außenstehende die nicht jeden Tag mit diesen Menschen zu tun haben, sind der Meinung diese Menschen bräuchten Hilfe, also schieben sie Rollstühle durch die Gegend oder führen Blinde an der Hand, man sollte soviel Respekt und auch Anstand haben die Menschen zu fragen ob sie Hilfe brauchen.
Ich kann nicht verstehen wie man jemandem der körperlich vielleicht eingeschränkt sein mag, aber geistig fit ist, das recht abspricht über sich selbst bestimmen zu dürfen.
Das sind schließlich Menschen die mit ihrer Behinderung leben gelernt haben und denen es in dieser Gesellschaft auch so schon schwer genug fällt, wenn man bedenkt das man z.B. als RollstuhlfahrerIn nicht spontan mit der Bahn wegfahren kann, weil man vorher die Rampe anmelden muss oder aber nicht alle Bürgersteige Einsenkungen für Rollstuhlfahrer haben und es nicht für jede Ampel ein Alarmsignal für Blinde gibt.
Selbst Berufe werden einem verwehrt wie im Fall der blinden Bettina Koletnig, die sogar dafür vor Gericht ziehen musste um ein Referendariat an einem normalen Gymnasium in Bayern machen zu dürfen, nur vorweg ihre “normalen” Kollegen fanden das sei ein Unding…
5 Kommentare für "Illusion Selbstbestimmung"
Gelungener Beitrag! Wie wäre es mit Beiträgen zum Thema Drogenkonsum, Abtreibung oder Sterbehilfe?
Ich bin gerade dabei eine Reihe zum Thema vorzubereiten
Viel zu wenige Menschen sind sensibilisiert für den Umgang mit Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen. Kein Wunder, dass sie “Mitleid” haben oder “einfach nur helfen” wollen. Dass aber die Betroffenen selbstbestimmt und frei leben und als vollwertige Menschen akzeptiert werden wollen, trifft bei ihnen auf Unverständnis.
In meinen Augen ist das nicht weiter verwunderlich, denn die meisten Menschen haben oder hatten kaum Kontakt zu Leuten mit Beeinträchtigungen (weder in der Schulzeit durch Integrationsklassen, noch im FreundInnenkreis). Da ist ihr Verhalten nur eine logische Konsequenz – als Mischung aus Scheu, Abstand und Diskretion … leider.
Mein Thema! Grandios!
[...] 24, 2008 Heute hat Rieke in ihrem Blog den sehr lesenswerten Beitrag “Illusion Selbstbestimmung” veröffentlicht. In ihm geht es um die Frage, wie selbstbestimmt Menschen mit körperlichen, [...]
diesem thema sollte sich die gj unbedingt mal noch eingehender widmen – um auf die komplette stigmatisierung von menschen mit einschränkungen jeglicher art u.a. durch mangelnde barrierefreiheit aufmerksam zu machen. aber selbst die gj muss sich dabei noch an der eigenen nase fassen: wie oft kam es schon vor, dass buko-austragungsorte nicht barrierefrei sind, ganz zu schweigen von veranstaltungen auf orts- und landesebene.
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